Im 7. Teil des Bibelworkshops “Auf der Suche nach Gott” hatte ich angekündigt, das Johannes-Evangelium durchzuarbeiten. Mittlerweile bin ich aber auf einen erstklassigen Bibelkommentar von Weihbischof Dr. Friedrich Justus Knecht (†1921) gestoßen. Sein „Praktischer Kommentar zur Biblischen Geschichte“ aus dem Jahre 1913 ist eigentlich für den Religionsunterricht an der Volksschule gedacht und richtet sich an Schüler. Aber er eignet sich meines Erachtens genauso für Erwachsene.

Dieser Kommentar oder besser gesagt diese Studienbibel ist folgendermaßen aufgebaut:

  1. (Nach-)Erzählung der biblischen (Heils-) Geschichte, weitestgehend wörtlich aus der Bibel entnommen, jedoch gekürzt und mit vielen erklärenden Fußnoten versehen
  2. Erklärung der wörtlichen (historischen) Geschichte
  3. Auslegung der Geschichte, um den tieferen (geistigen) Sinn zu verstehen
  4. Anwendung der Geschichte auf unser Leben (bzw. das der Kinder)

Diese Vorgehensweise halte ich für die beste, um die Bibel (und nebenbei die Lehre und die Praktiken der kath. Kirche) verstehen zu lernen und uns zu helfen, den Glauben praktisch auf das Leben anzuwenden. Denn nur wer den Glauben versucht zu leben, wird erkennen können, ob dieser tatsächlich wahr ist und seinen Weg zu Gott finden.

Im Folgenden werde ich den Bibelkommentar kapitelweise und mit nur sehr wenigen Überarbeitungen und Anmerkungen wiedergeben. Grundlage ist die 23./24. Auflage, herausgegeben von der Herdersche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau.

Da das Einscannen und Bearbeiten der Originalausgabe doch sehr zeitaufwändig ist, wird es (sofern ich keine weitere Unterstützung dafür finden sollte) leider längere Zeit dauern, bis ich durch das fast tausendseitige Buch gekommen sein werde.

Für alle die nicht so lange warten wollen, können sich das Buch entweder (antiquarisch) erwerben (sofern sie die alt-deutsche Frakturschrift lesen könne) oder sich die englischsprachige Ausgabe in der Open Library ansehen und kostenlos herunterladen: „A practical commentary on Holy Scripture for the use of those who teach Bible history.

Urgeschichte

Von Adam bis Abraham (ungefähr 6000-2100 vor Christus)

Ein Wort voraus. Seit Jahrtausenden steht die Tatsache fest, daß unser Gott, der nicht ein Gott kalter Abstraktion, sondern der lebendige Gott ist, sich in herablassender Liebe der Menschheit angenommen und sich ihr auf übernatürliche Weise geoffenbart hat. Diese Offenbarung ist in der Kirche und in der Heiligen Schrift niedergelegt. Und da Gott der Urheber der Heiligen Schrift ist, so ist von ihr jeglicher Irrtum, auch in profanen Dingen, ausgeschlossen. Die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift steht himmelhoch über den Hypothesen und den vielfach nur provisorischen Resultaten der „voraussetzungslosen“ Wissenschaft. Da Gott sich nicht widersprechen kann, so ist ein eigentlicher Widerspruch zwischen der natürlichen Offenbarung, dem Objekte der Wissenschaft, und der übernatürlichen Offenbarung einfach unmöglich. Wo ein solcher sich dennoch erhebt, da wird entweder als Resultat der Wissenschaft geltend gemacht, was noch keineswegs sicher und endgültig ist, oder die Heilige Schrift wird falsch verstanden. In letzterer Beziehung ist wohl zu beachten, daß die Heilige Schrift nicht beabsichtigt, uns profane Wissenschaften zu lehren, sondern uns Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis zu vermitteln und uns den Weg des Heiles zu zeigen. Es wäre darum verkehrt, wenn wir in den heiligen Büchern physikalische, geologische oder astronomische Belehrungen suchen wollten. Diese Dinge hat Gott dem menschlichen Forschen überlassen. Und da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen zu Menschen redet, läßt er sich zu deren Standpunkt herab, drückt seinen Willen durch Befehle aus, redet nach dem Augenscheine, wonach die Sonne auf und untergeht, und spricht vom Ruhen nach der Schöpfung. Was insbesondere die Schöpfungsgeschichte betrifft, so hat schon Augustinus darauf aufmerksam gemacht, daß in ihr „die Schöpfungen nicht nach der Reihenfolge der Zeit, sondern nach ihrem ursächlichen Zusammenhang aufeinander folgen“. Und der hl. Thomas v. A. erklärt geradezu: „Da Moses ein ungebildetes Volk über die Schöpfung der Welt zu belehren hatte, so hat er in Abschnitte eingeteilt, was gleichzeitig erschaffen worden ist.“ Gott hat uns das Schöpfungswerk nicht in chronologischer, sondern in logischer oder systematischer Ordnung als Werk von sechs Tagen, auf die ein Ruhetag folgt, geoffenbart, denn vor seinen Augen ,,sind 1000 Jahre wie 1 Tag“ (Ps 89, 4). Und es ist dies deutlich in der Absicht geschehen, um das Gebot zu begründen, daß der Mensch 6 Tage arbeiten, am 7. Tage aber in Gott ruhen soll. Die Schöpfungsgeschichte will also keine Kosmologie geben und erwähnt, wie Thomas v. A. bemerkt nichts von dem, was vergangen ist, sondern sie zeigt die bestehende Ordnung der Welt, soweit diese für den Menschen von Bedeutung ist, und führt sie auf Gott als deren Urheber zurück. Und dies geschieht in klarer, sachlicher Gliederung, indem zuerst die Schöpfung des Himmels und der Erde im allgemeinen berichtet, alsdann in zwei dreigliedrigen Teilen das Werk der Scheidungen und das Werk der Ausschmückungen geschildert und daran die Erschaffung des Menschen und die Einsetzung des Sabbats angeschlossen werden.

1.Die Erschaffung der Welt (Gen 1,1 – 2,3)

Es wird erzählt, daß und wie Gott die Welt und alles, was darin ist, erschaffen hat.

I.Erzählung und Erklärung

Im Anfange1 hat Gott den Himmel und die Erde2 erschaffen3. Aber die Erde war wüst4 und leer5; Finsternis war über dem Abgrunde6 und der Geist Gottes7 schwebte über dem Wasser.

Da sprach8 Gott: ,,Es werde Licht!“ Und es ward Licht9. Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es ward Abend und Morgen: erster Tag.

Dann sprach Gott: „Es werde das Firmament10 in der Mitte des Wassers und scheide11 Wasser von Wasser !“ Und so geschah es12. Gott schied das Wasser unter dem Firmamente von dem Wasser über dem Firmament und nannte das Firmament Himmel13. Und es ward Abend und Morgen: zweiter Tag.

Ferner sprach Gott: „Das Wasser unter dem Himmel14 fließe an einen Ort15 zusammen, und es erscheine das trockene Land !“16 Und so geschah es. Gott nannte das trockene Land Erde, das zusammengeflossene Wasser aber nannte er Meer. Und Gott sprach: „Die Erde17 bringe Gras, Kräuter und fruchtbare Bäume18 hervor!“ Und so geschah es. Die Erde wurde grün, es wuchsen Kräuter und Bäume, die alle ihren Samen haben nach ihren Arten19. Und es ward Abend und Morgen: dritter Tag.

Und Gott sprach: ,,Es sollen Lichter werden am Himmel, daß sie Tag und Nacht scheiden und die Tage und die Jahre anzeigen!“ Und so geschah es. Gott machte die Sonne, den Mond und die Sterne und setzte sie an das Firmament, daß sie herableuchten auf die Erde20. Und es ward Abend und Morgen: vierter Tag.

Hierauf sprach Gott: ,,Das Wasser soll wimmeln von lebenden Wesen, und Geflügel soll sein unter dem Firmamente !“ Und so geschah es. Gott schuf die Fische und die Vögel nach ihren Arten. Er segnete sie und sprach: ,,Wachset und mehret euch !“21 Und es ward Abend und Morgen: fünfter Tag.

Wieder sprach Gott: „Die Erde bringe Tiere aller Art hervor!“ Und so geschah es. Gott schuf Vieh, Gewürm und wilde Tiere nach ihren Arten22. Zuletzt schuf Gott den Menschen. Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut23. Und es ward Abend und Morgen: sechster Tag.

So wurden vollendet der Himmel und die Erde und all ihre Zier24.

Am siebten Tage aber ruhte25 Gott, und er segnete26 und heiligte27 diesen Tag28.

Das Licht hat Gott zuerst gemacht, weil es ohne Licht und ohne Wärme die mit dem Lichte verbunden ist, kein Wachstum kein Leben und keine Ordnung in der Natur geben kann.

Am zweiten Tage machte Gott den Luftkreis (die Atmosphäre), denn ohne Luft könnten die Pflanzen, die Tiere und die Menschen nicht leben. Auch wäre ohne die Luft der Schall (Ton), darum auch das Sprechen und das Hören nicht möglich.

Am dritten Tage ließ Gott die Erde trocken werden und Pflanzen auf derselben wachsen. Die Pflanzen brauchen aber nicht bloß Licht (Wärme und Luft), sondern auch Feuchtigkeit zu ihrem Leben und Gedeihen. Deshalb hat Gott vorher (am zweiten Tage) einen Teil des Wassers als Dunst in die Höhe steigen lassen, damit die Pflanzen von oben durch Tau und Regen Feuchtigkeit erhalten.

Die Werke der drei ersten und jene der drei letzten Tage stehen auf folgende Weise miteinander im Zusammenhange. Gott schuf am

1. Tage: das Licht.

2. Tage: den Luftkreis, welcher das Wasser scheidet.

3. Tage: das trockene Land und das Pflanzenreich.

4. Tage: die Lichtkörper.

5. Tage: die Bewohner des Wassers und der Luft: die Fische und die Vögel.

6. Tage: die Bewohner des trockenen Landes: die Säugetiere und den Menschen.

II.Auslegung

Der ewige Gott ist der Schöpfer der Welt. Die Zeit hat erst mit der Welt begonnen. Die Welt ist von Gott erschaffen. Diese Grundwahrheit der Religion steht an der Spitze der biblischen Geschichte und bildet die Überschrift der ganzen Offenbarung. Warum heißt Gott ,,Schöpfer Himmels und der Erde“? (64.)29 Vorher war nichts da als allein der ewige Gott. Was heißt: Gott ist ewig? (33.) ,,Ehedenn die Berge wurden und gebildet war die Erde und ihr Umkreis, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Ps 89, 2). Warum heißt es nicht: »warst du, o Gott“, sondern: ,,bist du“? Weil Gott ewig ist, weil er nicht dem Wechsel der Zeiten unterworfen ist, weil es bei Gott keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt, sondern nur ewige Gegenwart. ,,Ich bin, der ich bin“, sagte Gott zu Moses (A. T. Nr 32 Abs. 3). Gott ist aus und durch sich selbst, alles andre ist von Gott erschaffen; er ist in sich unendlich selig und unaussprechlich erhaben über alles, was außer ihm ist und gedacht werden kann; er hat aus Liebe die Welt erschaffen, und durch die Güter, die er den Geschöpfen zuteilt, seine Vollkommenheit zu offenbaren. Wozu hat Gott die Welt erschaffen? (65.)

Gott ist allmächtig. Die ganze sichtbare und unsichtbare Welt (die Körperwelt und die Geisterwelt) hat Gott durch seinen allmächtigen Willen aus nichts erschaffen. Was heißt: Gott ist allmächtig? (40.) Die Schöpfung zeigt uns Gottes Allmacht. Die Erde, die Sonne, den Mond, den ganzen (für uns) unermeßlichen Weltraum mit Millionen von Weltkörpern hat Gott durch sein allmächtiges Wort (d. i. seinen allmächtigen Willen) ins Dasein gerufen. »Gott sprach und es geschah, er befahl und es war geschaffen“ (Ps 32, 9). Und sein allmächtiges Wort ,,Wachset und mehret euch!“ wirkt fort durch die Jahrtausende bis ans Ende der Welt.

Gott wirkt immerfort. Was bedeuten die Worte: »Am siebten Tage ruhte Gott“? Hat Gott also seit dem sechsten Tage nichts mehr zu tun? Jesus sagt: »Mein Vater wirkt bis jetzt, auch ich wirke“ (N. T. Nr 27 Abs. 4). Wirken ist so viel als tätig sein. Gott ist immerfort tätig zum Besten der Geschöpfe. Was tut Gott auch nach der Erschaffung noch immer für die Welt? Was heißt: Gott erhält die Welt? Was heißt: Gott regiert die Welt? (66—68.) Nur der allmächtige Gott, welcher die Welt ins Dasein gerufen hat, kann sie auch erhalten und regieren. An dem Tage, an welchem Gott seine Hand von der Welt zurückziehen würde, würde die Welt in Unordnung geraten und zu Grunde gehen. Über der Welt und über dem Menschen waltet der allmächtige, allgütige und allweise Gott als Schöpfer, Herr und Vater. Auch du hast Leben und Gesundheit dem lieben Gott zu verdanken; jeder Tag, jede Stunde deines Lebens ist ein Geschenk seiner allmächtigen Güte. — Morgengebet.

Sabbat. Mit Erschaffung des Menschen war der Schöpferplan Gottes vollendet, das große Werk seiner schöpferischen Liebe gekrönt, denn der Mensch ist das vollkommenste aller sichtbaren Wesen. Nun ruhte Gott und bestimmte den siebten Tag für die Ruhe des Menschen in Gott, denn zu Gottes Ehre ist die Welt erschaffen, damit nämlich seine Vollkommenheit (Allmacht, Güte, Weisheit etc.) von den vernünftigen Geschöpfen erkannt und anerkannt werde. Darum soll der Mensch den Sabbat als Tag der Ruhe und der Sammlung feiern, die Wunder der Schöpfung, Erhaltung und Regierung der Welt betrachten, Gott loben, ihm danken und ihn um Segen bitten. Deshalb heißt dieser Tag auch der Tag des Herrn, d. i. der Tag Gottes, der für alle Menschen zur gemeinsamen Anbetung und zum Dienste Gottes bestimmte Tag. An diesem von Gott geheiligten Tage sollen wir die irdischen Geschäfte ruhen lassen, unsrer höheren Bestimmung gedenken und für unsre Seele und ihr Heil sorgen; denn die Seele findet nur in Gott Frieden und Ruhe. Wenn wir so den Sabbat heiligen, so ist er für uns ein gesegneter Tag, d. i. ein Tag der Gnade und des Heiles. Wenn der Sabbat aber nicht geheiligt wird, so versinkt der Mensch immer mehr ins Irdische, vergißt seine höhere Bestimmung, entfernt sich immer weiter von Gott und geht ewig verloren. Darum hat Gott befohlen, den Sabbat zu heiligen, und dieses Gebot ist das älteste von allen; seitdem die Welt steht, gilt das Gebot: Gedenke, daß du den Sabbat heiligest. Es ist ein Weltgesetz, das Gott schon bei Erschaffung der Welt gegeben hat und das mit der Würde und Bestimmung des Menschen im innigsten Zusammenhange steht. Ist es also nicht eine große Gottlosigkeit, den Tag Gottes zu entheiligen? Was gebietet Gott im dritten Gebote? (301.)

Die göttliche Dreifaltigkeit. Im Alten Bunde hat Gott seine Dreipersönlichkeit noch nicht klar geoffenbart (weil sonst die zum Götzendienste geneigten Israeliten die drei göttlichen Personen gar leicht als drei verschiedene Götter oder Gottheiten betrachtet haben würden). Aber an mehreren Stellen des A. T. ist doch bereits angedeutet, daß in Gott mehrere Personen sind. Schon im ersten Absatz der Schöpfungsgeschichte ist eine solche Andeutung enthalten — in welchen Worten? (Der Geist Gottes schwebte etc.)

Weisheit Gottes. Die Heilige Schrift (der Heilige Geist) sagt ausdrücklich, daß alles, was Gott gemacht hatte, sehr gut war, damit der kurzsichtige Mensch es nicht wage, Gottes Werke frech zu tadeln. Alles hat Gott so gemacht, daß es vollkommen dem Zwecke entspricht, wozu er es bestimmt hat. Wie nennen wir Gott deshalb, weil er alles auf das beste einzurichten weiß, um seine Ratschlüsse auszuführen? (Umkehrung von 39.) Die ganze Schöpfung legt Zeugnis ab von der Weisheit Gottes. Ich will euch nur an einiges erinnern. Ohne Aufhören fließen viele Flüsse und Ströme, von denen manche stundenbreit sind, in das Meer; sie führen diesem in einem einzigen Tage eine ungeheure Wassermenge zu, und so geht es jahrelang, ja durch Jahrtausende fort — und doch läuft das Meer nicht über. Wie kommt dieses ? Gott hat es so angeordnet, daß unaufhörlich vom Meere so viel Wasser in Dünsten in die Höhe steigt (verdunstet), als demselben zufließt. Und wie kommt daß die Bäche und Flüsse nie austrocknen ? Wo kommt das viele Wasser her, das sie fortwährend dem Meere zuführen? Die vom Weltmeer aufsteigenden Wasserdünste und Wolken werden durch den Wind dem Lande zugetrieben und fallen hier als Tau, Nebel, Regen, Schnee etc. auf die Erde hernieder. Diese Feuchtigkeit sammelt sich im Erdboden (besonders in den Wäldern), so daß unaufhörlich Quellen aus der Erde herausfließen. Diese Quellen vereinigen sich zu Bächen, Flüssen, Strömen, welche wieder dem Meere zufließen. Dieser beständige Kreislauf des Wassers bewirkt es, daß das Meer nicht ausläuft und die Flüsse nicht austrocknen. Durch die Wasserdünste bekommt die Luft auch die Feuchtigkeit welche für das Leben der Menschen und der Tiere und für das Wachstum der Pflanzen notwendig ist, und durch den Regen wird die Luft von Zeit zu Zeit von schädlichen Dünsten gereinigt. Noch etwas. Ihr wisset, daß das Wasser schlecht (faul) wird, wenn es längere Zeit ruhig steht und nicht bewegt wird. Wie kommt es nun, daß das Meerwasser nicht verdirbt, trotzdem es von Ufern eingeschlossen ist ? Gott der Herr hat dafür gesorgt, daß das Meer in beständiger Bewegung ist. Täglich fließt das Wasser des Meeres zweimal dem Ufer zu und kehrt von da wieder nach der Mitte des Meeres zurück (Flut und Ebbe), so daß es immer bewegt wird. Überdies schickt Gott von Zeit zu Zeit Winde und Stürme, welche das Meer bis in seine Tiefen aufregen. Alle diese Naturerscheinungen zeigen uns die wunderbare Weisheit des Schöpfers und Erhalters der Welt. Auch alle übrigen Geschöpfe legen von der göttlichen Weisheit Zeugnis ab; die Biene, die Ameise, der Kornhalm jedes Blatt der Bäume lehren uns Gottes Weisheit bewundern. Und wie kunstreich ist nicht das Auge des Menschen eingerichtet, in welchem die halbe Welt sich abspiegelt. Wir mögen die Natur im großen oder im kleinen betrachten, so müssen wir mit David ausrufen: »Wie groß sind deine Werke, o Herr! Alles hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deiner Güte“ (Ps 103, 24).

Die Schöpfung gibt uns auch ein Bild von der unendlichen Größe und Herrlichkeit Gottes. Wie groß ist nicht die Erdkugel! Ihr (mittlerer) Umfang beträgt 5400 (geographische) Meilen30, ihre Oberfläche 9 Millionen 288000 Quadratmeilen31, ihr körperlicher (oder Kubik-) Inhalt 2 Milliarden 662 Millionen Kubikmeilein32. Und doch ist die Sonne 1400 000mal größer als die Erde (aber nicht so dicht wie diese)! Die Zahl der Sterne (die größtenteils nur durch Fernrohre wahrgenommen werden können) geht in die Millionen und kann von uns Menschen gar nicht genau bestimmt werden (es gibt über 30 Millionen Sterne). Der nächste Fixstern ist etwa 4 Billionen (d. i. 4000000mal Million) Meilen33 von uns entfernt. So groß also sind die Weltenkörper, so zahlreich ist die Schar der Sterne, so unermeßlich der Weltenraum! Wenn aber die Welt so groß ist, wie groß muß erst ihr Schöpfer sein, welcher diese zahllosen Weltenkörper aus nichts ins Dasein gerufen hat, sie mitten im Weltenraume (ohne Stützen oder Säulen) hält und trägt und jedem seine Bahn anweist! „Er zählt die Menge der Sterne und nennt sie alle mit Namen. Groß ist unser Herr und groß seine Macht, und seiner Weisheit ist kein Maß“ (Ps 146, 4 und 5). „Wie ein Stäubchen an der Waage ist vor dir die ganze Welt, wie ein Tröpfchen Morgentau, das zur Erde niederfällt“ (Weish11, 23). „Gott der Ewigkeit ist der Herr, der die Enden der Erde erschaffen hat; er ermüdet und ermattet nicht, und unergründlich ist seine Weisheit“ (Js 40, 28). Wir müssen voll Staunen und Ehrfurcht beten: ,,Großer Gott, wir loben dich! Herr wir preisen deine Stärke! Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke! Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit! . . . Sonnen, Erden, Länder, Meere sind erfüllt von deinem Ruhm, alles ist dein Eigentum“ (Psält. 286.34) Die Welt dient sonach zur Verherrlichung Gottes, indem sie von seiner Macht, Weisheit, Majestät etc. Zeugnis gibt.

Aus nichts wird nichts.“ Das ist eine Wahrheit, die gilt, seitdem die Welt besteht. Will der Schreiner eine Bank machen, so nimmt er Holz und fertigt ans dem Holze die Bank. Ohne Mehl kann der Bäcker kein Brot, ohne Eisen kann der Schlosser keinen Schlüssel, ohne Tuch der Schneider kein Kleidungsstück machen. Wenn wir sagen: „Gott hat die Welt aus nichts gemacht“, so heißt das nicht: „Gott hat das Nichts genommen und daraus die Welt gemacht“, wie wenn das Nichts ein Stoff wäre, sondern es will heißen: „Gott hat die Welt nicht aus etwas Vorhandenem gemacht, war ja nichts da außer Gott, er hat zur Erschaffung der Welt keinen Stoff gebraucht, er hat die Welt (alles, was außer ihm ist) durch seinen allmächtigen Willen aus dem Nichtsein in das Dasein gerufen.

Wie Gott der Schöpfer, so hat auch Gott der Erlöser am siebten Tag geruht. Nachdem der göttliche Heiland in den Tagen der Karwoche sich abgemüht und am 6. Tage sein Erlösungswerk ,,vollbracht“ hatte, hat er am 7. Tage im Grabe geruht.

Auch wir sollen einmal in die ewige und selige Sabbatruhe zu Gott eingehen, wenn wir unsren Lebenslauf gut vollendet haben. „Wir werden eingehen in die Ruhe, weil wir geglaubt haben“ (Hebr 4, 3). Von den Ungläubigen aber sagt Gott: „Nimmermehr sollen sie eingehen in meine Ruhe“ (Hebr 4, 5). Und der Apostel Johannes ,,hörte eine Stimme vom Himmel, die sprach: Selig sind die Toten, die im Herrn sterben; von nun an sollen sie ruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offb 14,13). Jedes Menschenleben ist ein Sechstagewerk, auf welches der nimmer endende Tag der Ruhe und des Friedens folgen soll.

III.Anwendung

Weil Gott so unendlich groß, mächtig und weise ist, so müssen wir von tiefer Ehrfurcht vor seiner göttlichen Majestät erfüllt sein. Er ist ja der Ewige, der Allerhöchste, der Schöpfer und Herr des ganzen Weltalls, unaussprechlich größer als alles, was außer ihm ist! Und doch hast du bisher so wenig Hochachtung und Ehrfurcht vor Gott gezeigt. Hast du nicht oft gedankenlos und ohne Ehrerbietung zu Gott gebetet? Hast du nicht schon hundertmal seinen heiligen Namen verunehrt und seine Gebote übertreten? Nimm dir ernstlich vor, dass du künftig Gott den Herrn besser ehren und eifriger ihm dienen willst. Wir ehren Gott besonders dadurch, daß wir recht oft mit Andacht und Ehrfurcht an ihn denken und ihn anbeten. Der hl. Patrizius hat Gott täglich 300mal auf den Knien angebetet. Denke auch du heute und in Zukunft recht oft an deinen Herrn und Schöpfer und bete ihn im Geiste ehrfurchtsvoll an! Denke bei allem, was du siehst: Das hat Gott gemacht; o großer Gott, ich lobe dich und bete deine Macht und Weisheit an! Soviel Sternlein an dem Himmel, soviel Blumen auf dem Felde, soviel Blätter in dem Walde, soviel Tropfen in dem Meere! so vielmal soll Gott gelobet und gepriesen sein!

Gott hat die Erde zum Wohnplatze für uns Menschen eingerichtet und mit göttlicher Freigebigkeit ausgeschmückt Er gibt uns viel mehr, als zu unsrem Leben notwendig wäre. Sind die vielerlei Blumen zum Leben notwendig? Könnten wir nicht leben ohne Aprikosen, Pfirsiche, Trauben, ohne die hunderterlei Äpfel und Birnen etc. etc.? Siehe also, wie gütig und freigiebig Gott gegen uns ist! Danke ihm herzlich für seine Gaben und nimm dir vor, daß du von nun an das Gebet vor und nach dem Essen jedesmal recht andächtig verrichten willst!

1der Zeit, d. i. als die Zeit begann.

2d. i. die unsichtbare und die sichtbare Welt.

3d. i. aus nichts ins Dasein gerufen. Dieser erste Satz redet von der ganzen Schöpfung im allgemeinen, die folgenden Sätze handeln von der Erde im besondern.

4d. h. sie war eine ungeordnete Masse, ein Durcheinander oder Chaos.

5d. i. ohne Pflanzen, ohne Tiere, ohne Menschen.

6d. i. über der ungeordneten Erdmasse, welche ein tiefes Meer von Urstoffen bildete. Diese Erdmasse war ohne Licht, somit finster, in Dunkel eingehüllt, und sie war weich und flüssig, weshalb sie auch „Wasser“ genannt wird.

7d.i. Gott (der Heilige Geist) schwebte über der ungeordneten Masse, um sie zu ordnen und zur Wohnung für Tiere und Menschen herzurichten (auszugestalten).

8d. i. befahl Gott, denn durch das Sprechen drückt Gott seinen allmächtigen Willen aus.

9d. i. heller Tag.

10d. i. der Luftkreis, welcher 111 km (30 Stunden) hoch ringsum die Erde umgibt und unserem Auge als ein blaues Gewölbe erscheint.

11Wer scheide? Das Firmament soll einen Teil des Wassers vom andern trennen. Gott ließ nämlich eine beträchtliche Menge Wasser als Dunst in den Luftkreis aussteigen, und so scheidet der Luftkreis zwischen den Wasserdünsten (dem verdunsteten Wasser) und den Wolken über der Erde und dem flüssigen Wasser auf der Erde.

12Wie geschah es? So, wie Gott befohlen hatte.

13Ist dies der Himmel in welchem die Engel und die Heiligen wohnen?…Man muß unterscheiden zwischen dem sichtbaren, natürlichen Himmel, d. i. dem Firmamente, und zwischen dem unsichtbaren und übernatürlichen Himmel in, welchem die Engel etc. Gott anschauen.

14d. i. unterhalb des Luftkreises also das Wasser auf der Erde.

15Dieser eine Ort ist das große Weltmeer, aus welchen die fünf Erdteile hervorragen.

16Gott ließ das Wasser zu Flüssen, Seen und Meere zusammenfließen und trockenes Land hervortreten. Wie dies geschehen ist, wird im Psalme 103, 6f beschrieben: „Auf den Bergen standen die Wasser. Vor deinem Schelten (d. i. Deinem allmächtigen Befehle) flohen sie; die Berge stiegen empor, und die Täler sanken hinab zu dem Orte, den du ihnen gegründet.“ Vor dem dritten Schöpfungstage war also die ganze Erde mit Wasser bedeckt; am dritten Tage der Schöpfung aber erhoben sich einige Teile der Erdoberfläche (Erdrinde); diese wurden trocken, indem das Wasser von ihnen abfloß; die tiefern Teile der Erdoberfläche wurden zum Meeresboden, dem alles Wasser zuströmt. Ungefähr ein Viertel (genau 27 Prozent) der Erdoberfläche ist trockenes Land, beinahe drei Viertel (genau 73 Prozent) sind Meer.

17welche jetzt trocken war.

18d. i. alle Arten von Pflanzen.

19Gott ließ aus dem Erdboden Pflanzen aller Art hervorwachsen und verlieh ihnen die Kraft, ihren eigenen Samen hervorzubringen. Aus diesem Samen wachsen nach Gottes Anordnung immer wieder neue Pflanzen hervor, so das; die Pflanzenwelt nicht ausstirbt. Ohne den Schöpferwillen Gottes hätte die Erde niemals Pflanzen hervorbringen können.

20Gott machte die Sonne, den Mond und die Sterne zu Lichtern (Lichtkörpern) für die Erde. Von der Sonne empfängt die Erde Licht und Wärme. Auch sind die Himmelskörper die Zeitmesser für die Erde, denn der Aufgang der Sonne bringt der Erde den Tag, ihr Untergang die Nacht. Nach der Stellung der Sonne und des Mondes zur Erde wird die Zeit in Jahre, Jahreszeiten (Frühling, Sommer etc.) und Monate eingeteilt.

21Sie sollen sich selbst vermehren, sollen immer mehr werden. Durch was vermehren sich die Pflanzen? … Wie die Pflanzen sich durch Samenkörner vermehren, so können die Vögel und die Fische kraft des göttlichen Segens Eier legen, aus denen wieder Vögel und Fische werden.

22Gott schuf nämlich die Haustiere, die kriechenden Tiere (Reptilien) und die wilden Tiere. Zuletzt schuf Gott das vornehmste aller sichtbaren Geschöpfe: den Menschen Wie Gott den Menschen erschaffen hat, wird in der 3. Geschichte ausführlicher erzählt.

23d. h. alles war so, wie Gottes Güte und Weisheit es haben wollte; alles entsprach vollständig dem Zwecke, wozu Gott es erschaffen hatte. Gott hat alles so eingerichtet, daß es nicht besser und zweckmäßiger sein könnte. Das Verkehrte und Üble ist erst durch die Sünde (der bösen Engel und der Menschen) in die Welt gekommen; aus Gottes Hand ist alles gut hervorgegangen.

24d. i. alles, was den Himmel, den wir sehen, und die Erde ziert oder schmückt (z. B. den Glanz der Sterne, die Farbenpracht der Blumen, die herrlichen Berge und Flüsse und Täler etc.).

25Der Mensch braucht Ruhe, wann er viel gearbeitet hat, weil er dann müde ist. Kann Gott auch müde werden ? Warum nicht? Gott könnte noch 1000 Welten schaffen, ohne zu ermüden. „Er ruhte“ will sagen: Nach dem sechsten Tage (nach Erschaffung des Menschen) schuf Gott keine neuen Gattungen von Geschöpfen mehr.

26d. h. er bestimmte, daß dieser Tag dem Menschen, welcher ihn heilig hält, Segen bringt für Leib und Seele.

27d. h. er erklärte und bestimmte ihn zu einem heiligen, Gott geweihten Tage.

28Wie hieß dieser siebte Tag im A. T. ? (Sabbat, d. i. Ruhetag.)

29(64.) = Frage 64 des Katechismus für die Erzdiözese Köln (Düsseldorf 1910), Antwort: Gott heißt „Schöpfer Himmels und der Erde“, weil er die ganze Welt, Himmel und Erde, erschaffen, d.h. durch seinen allmächtigen Willen aus nichts hervorgebracht hat.

301 geographische Meile = 7.420,439m, d.h. der Erdumfang beträgt ca. 40074 km (Anm. d. Hrsg.)

31d.h. 510 Millionen km² (Anm. d. Hrsg.)

32d.h. ca. 1 Billion 83 Milliarden 320 Millionen km³ (Anm. d. Rsg.)

33D.h. ca. 30 Billionen km

34(Psält. 286.) = Lied Nr. 268 des „Psälterlein“ (Regensburg, Pustet). Katholisches Gebet- und Gesangsbuch (Anm. des Hrsg.).

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